Predigt zum 60-jährigen Jubiläum der Pfarre Neu Guntramsdorf
Die Predigt des Apostolischen Administrators Josef Grünwidl, zum 60-jährigen Jubiläum der Pfarrkirche Neu Guntramsdorf, am 5. Oktober 2025:
Am 3. Oktober 1965 wurde diese Kirche durch Erzbischof Dr. Franz Jachym feierlich eingeweiht. Wenn wir heute dankbar auf die vergangenen 60 Jahre zurückschauen, fällt auf: Seit damals hat sich vieles verändert. Ich nenne nur einige Stichworte: der Wohlstand in unserem Land ist gewachsen, Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel und künstliche Intelligenz. Und die Kirche? Auch da hat sich vieles bewegt. Die Weihe dieser Kirche erfolgte in den letzten Wochen des 2. Vatikanischen Konzils. Damals herrschte in der Kirche Aufbruchstimmung - Fenster und Türen öffnen, frischen Wind in die Kirche hereinlassen. In den letzten Jahrzehnten ist diese frische Aufbruchstimmung des Konzils weitgehend verflogen und die religiöse Landschaft in unserem Land hat sich stark verändert.
Das Evangelium erinnert uns daran, was gleichgeblieben ist, was sich nicht geändert hat seit 1965. Dazu gehört die Bitte der Jünger: „Herr, stärke unseren Glauben!“ Ausgehend von dieser Bitte drei Gedanken zum heutigen Jubiläum:
Hier wurde in den vergangenen 60 Jahren vieles gebaut und erneuert: Drei Monate nach der Kirchweihe wurde die Pfarre Neu Guntramsdorf errichtet, 1982 die Orgel, 1987 dann die Kirchenglocken und 2009 schließlich das neue Pfarrzentrum. Großartig und bewundernswert, was hier geschaffen, aufgebaut und geleistet wurde! Noch wichtiger aber ist, dass hier eine lebendige Pfarrgemeinde entstanden ist.
Der erste Satz eures Pastoralkonzepts lautet: „Unsere Vision ist eine wachsende Gemeinschaft, in der Menschen Jesus Christus als Anker für ihr Leben erfahren können.“ Ich finde das großartig! Denn es gibt nicht wenige Pfarren, die frustriert sind und als Motto für ihr Pastoralkonzept den Satz wählen könnten: „Die Letzten drehen das Licht ab!“
Eure Vision hingegen heißt „wachsen“, so wie wir es in der Lesung gehört haben: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft.“ Ihr sagt: Vision statt Resignation! Aufbruch statt Frust! Unsere Pfarre soll ein Hoffnungsort sein. Nicht die Letzten machen das Licht aus, sondern: Herr, stärke unseren Glauben, damit wir wachsen! - Dafür ein großes Danke!
Aber wie geht das: den Glauben stärken und im Glauben wachsen? Dazu verwendet Jesus das Bild vom Senfkorn und vom Maulbeerfeigenbaum, der sich ins Meer verpflanzt.
Mit dem Verweis auf das kleine Senfkorn will er uns sagen: Fang an deinen Glaubensweg zu gehen und sag nicht: ja, wenn ich einen Glauben so stark wie die Heiligen hätte, ja dann schon, aber was soll ich mit meinem Senfkorn-Glauben? - Nein, dein Senfkorn-Glaube genügt, sagt Jesus. Fang an und geh deinen Glaubensweg dein Glaube wird wachsen!
Ihr habt in eurer Pfarre viele Glaubensprojekte gestartet: Alpha Kurse, Hauskreise, Jüngerschaftsschulungen, Glaubenstage, Familienwochen, geistliche Begleitung, Betonung des gemeinsamen Priestertums und dass von hier ausgehend jetzt auch „Mutmach-Treffen“ für das Vikariat organisiert werden. Aus diesen Senfkorn-Projekten wächst vieles im Glauben, in der Pfarrgemeinschaft und es strahlt auch aus im Pfarrverband.
Ich freue mich, dass bei euch Glaubensorte wachsen, dass Menschen mit euch glauben lernen können, dass sie ermutigt, befähigt und begleitet werden und erleben: mein Glaube - und sei er nur so schwach und klein wie ein Senfkorn - kann der Anker meines Lebens werden! Danke dafür!
Mein dritter Gedanke hat mit dem Maulbeerbaum zu tun. Dieser Baum ist dafür bekannt, dass er besonders tiefe und starke Wurzeln hat. Menschlich gesehen ist es also unsinnig und unmöglich den Baum auszugraben, um ihn ins Meer zu verpflanzen. Das Jesuswort zum Maulbeerbaum „Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer!“, deute ich österlich. Der Osterglaube zeigt mir ja: Ich bin nicht nur ein Kind dieser Welt, hier auf der Erde daheim und verwurzelt. Durch meine Taufe habe ich schon Wurzeln und Heimat im Himmel, in einem neuen und ganz anderen Lebensraum.
Ich danke, dass es hier und im Pfarrverband spirituelle Orte gibt, wo Menschen Gott erfahren können: beim Beten und Feiern, in der Liturgie und in der Gemeinschaft wird Gottes Reich, wird ein Stück Himmel auf Erden erfahrbar.
60. Jahrestag der Weihe der Pfarrkirche St. Josef! Für viele Menschen ist diese Kirche und die hier gewachsene Kirchengemeinde ein Hoffnungsort, ein Glaubensort und ein Ort der österlich-erlösten Spiritualität.
Und am Schluss noch ein Danke an die „unnützen Knechte“, die Jesus im Evangelium nennt. Da geht es nicht darum, kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter klein zu machen oder sie wie Sklaven zu entwürdigen. Sondern damit erinnert uns Jesus, dass wir existentiell von Gott abhängig sind und unsere Schuldigkeit tun und als Geschöpfe unsere Realität anerkennen, wenn wir Gott loben und ihm dienen. So wichtig Lob und Anerkennung im zwischenmenschlichen Bereich sind, so unangebracht ist es, von Gott Belohnung oder Anerkennung einzufordern oder einklagen zu wollen.
Es gibt in dieser Pfarre sehr viele, die mitarbeiten, mitdenken und Verantwortung übernehmen und das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit, wie es in der Antike für Sklaven war. Ganz im Gegenteil!
Ich danke allen für ihren Einsatz! Besonders den Ehrenamtlichen, die im Pfarrleitungsteam, PGR und VVR mitarbeiten oder sich in den 18 Fachbereichen und den vielen Aktivitäten und Angeboten eurer Pfarre einbringen und engagieren. Natürlich danke ich auch den Pastoralassistentinnen, Diakonen und Priestern des Pfarrverbands Anningerblick und dir lieber Pfarrer Hudson für die Leitung. Ein ganz besonderer Dank gilt dir, Andreas! Seit 1992 hast du zunächst als Pfarrassistent und danach als Gemeindeleiter dieser Pfarrgemeinde Impulse gegeben, und das Gemeindeleben gefördert und geprägt. Freu dich über die Früchte deines pastoralen Einsatzes!
Ich wünsche dieser Pfarrkirche und Pfarrgemeinde zum 60-Jahr-Jubiläum:
Dass die Kirchentüren für alle einladend offen stehen.
Dass euer Kirchturm auch weiterhin wie ein Zeigefinger in Richtung Himmel weist und die Menschen an Gott erinnert.
Im Blick auf euren Kirchenpatron, den Hl. Josef, wünsche ich euch, dass alle, die hierherkommen erfahren, was der biblische Name Josef bedeutet: Gott fügt hinzu, er vermehrt, er lässt uns wachsen.
Und last but not least: Ich wünsche den Kirchenbänken, dass sie nie leer bleiben und unnütz herumstehen, sondern oft so voll besetzt sind wie heute – damit auch am 100. Kirchweihtag hier eine lebendige, visionäre Pfarrgemeinde feiert und sagt: Wir wollen weiterwachsen. Herr, stärke unseren Glauben!
Quelle: https://www.erzdioezese-wien.at/unit/erzbischof/predigten/predigtenliste/article/133038.html

